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Südamerika 2004 
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Das Ende naht..., geschrieben von Kirsten und Jörg am 17.02.2005

Hallo ihr Lieben zuhause,

in letzter Zeit hatten wir wirklich kaum Gelegenheit euch mit Reiseberichten zu verwoehnen. Die Internetlage war immer etwas spaerlich, oft gab es keine Verbindung oder Stromausfaelle. Aber jetzt werden wir euch noch ein letztes mal so richtig volltexten :-))! Zuletzt haben wir aus Azara in Nordargentinien geschrieben, wo wir bei Enrique, dem deutschen Pater und seiner Truppe eine echt entspannte Zeit verbracht haben. Wir koennen in seinem superschoenen Gaestehaus wohnen, die Moppeds parken im Pfarrsaal, ist doch Ehrensache! Er selber braustEnrique trotz seiner 72 Jahren noch immer mit seiner roten 500er Suzuki zu seinen Schaefchen, das macht natuerlich maechtig Eindruck! Unsere Ankunft hatte sich schon vorher rumgesprochen, und nach und nach kam das halbe Dorf, um uns zu begruessen und um die Motorraeder zu sehen. Alle warem maechtig stolz, das so aussergewohnlicher Besuch von soweit her in ihr kleines Dorf gekommen ist, sogar im Nachbarort hat man uns auf der Strasse erkannt :-). An einem Abend gibt es sogar ein spontanes Konzert mit Gitarren und Akkordeon auf unserem riesigen Balkon, die halbe Dorfjugend rueckte nach der Kirche an, um uns ein paar schmissige Lieder vorzuspielen. Zum Glueck hatten wir kurz vorher den Kuehlschrank mit Bier aufgefuellt :-). Azara ist ein typisches Dorf hier in der Provinz Missiones, mit 1000 Einwohnern aber leider nur auf den ersten Blick ein Idyll. Hier herrscht zum Teil eine erschreckende Armut. Die meisten Haeuser sind zwar aus Stein gebaut, aber es gibt auch jede Menge baufaellige Huetten, deren Bewohnern es an allen Ecken und Enden fehlt. Manche koennen ihre (sehr zahlreichen...) Kinder nicht zur Schule schicken, weil sie kein Geld fuer Schulhefte oder Kinderschuhe haben. Andere Huetten brechen fast zusammen, aber das Geld fuer ein paar Holzbretter ist halt nicht da, knapp 3 Euro pro Lieferung. An einem Nachmittag fahren wir mit der Haushaelterin Graciella und ihrem Sohn einige Kilometer ueber staubige rote Pisten bis in ein kleines Waldstueck. Hier lebt unter unvorstellbaren Bedingungen eine Gruppe Guarani-Indios, die ehemalige Urbevoelkerung. Sie konnten ihre ursprunglich nomadische Lebensweise nicht mehr beibehalten, alles Land ist in Privatbesitz, es gibt kaum noch Ur-Wald und sie wurden ueberall vertrieben. Das Land, auf dem sie jetzt sind, wurde ihnen von einem Grossgrundbesitzer zur Verfuegung gestellt, aber die kleinen Felder und der Wald reichen nicht aus, um die 12 Familien zu ernaehren. Die Kindersterblichkeit ist unglaublich hoch, ihre Trinkwasserversorgung beschraenkt sich auf ein schmutziges, tropfendes Rinnsal, die Kinder sind dreckig und die meisten Leute laufen in kaputten Kleidern rum, wenn ueberhaupt. Enrique Guarani Indiosund seine Leute helfen, wo sie koennen, z.B. durch medizinische Versorgung, Versorgung mit Lebensmittel und andern Spenden. Einmal pro Woche kommt eine Lehrerin in dieses Dorf, damit die Kinder und Jugendlichen lesen, schreiben und spanisch sprechen lernen. Wir verteilen die mitgebrachten Lebensmittelpakete (Reis, Mehl, Salz, Zucker, Nudeln, Fett und Mate), jede Familie bekommt eins, die Familien mit 10 Kindern bekommen 2. Den Kindern schenken wir mitgebrachte Spielsachen und Suessigkeiten, die Bonbonpapiere schmeissen sie allerdings achtlos weg. Sie wurden einfach zu schnell an den Rand unserer Gesellschaft katapultiert, um jetzt mit den Schattenseiten wie Plastikmuell umgehen zu koennen. Spaeter erfahren wir, dass noch eine weitere Gruppe Indios mit 10 Familien aufgetaucht ist. Niemand wusste bisher von ihrer Existens, aber jetzt hungern sie und wissen nicht mehr wohin. Es gibt noch viel zu tun fuer Enrique... Dieser Besuch hat uns tief beeindruckt, und wir werden uns auch in Zukunft fuer die Menschen hier und in Azara angagieren und sie unterstuetzen.

Ein paar Tage spaeter machen wir uns aber wieder auf den Weg, ein letztes grosses Highlight wartet noch auf uns: die Iguazu-Wasserfaelle an der Grenze zu Brasilien. Wir hatten sie uns ja schon sehr gross vorgestellt, aber was wir dann gesehen haben, war echt gigantisch! Der Rio Iguazu bildet hier eine riesige Wasserflaeche auf einer grossen Ebene, und mittendrin liegen die Faelle mit einer Breite von fast 4 Kilometern. Sie sind 4x so gross wie die Niagara-Faelle undIguacu wirklich maechtig beeindruckend. Ueber Stege laeuft man dicht an der Kante vorbei, lauter kleine, mittlere und grosse Wasserfaelle stuerzen mit einem unglaublichen Getoese 70 m in die Tiefe, unterbrochen von gruenen Urwaldinseln. Ueberall fliegen handgrosse Schmetterlinge und bunte Tucane rum, Leguane und die lustigen Nasenbaeren namens Koatis laufen uns zwischen den Fuessen rum. Der groesste Wasserfall heisst Garganta del Diabolo - Teufelsgurgel! Hufeisenfoermig stuerzen unglaubliche Wassermassen in einen tiefen Kessel, dessen Boden man vor lauter Gischt garnicht sieht. Nach kuerzester Zeit sind wir auch pitschnass, was aber bei Temperaturen von ueber 35 Grad ziemlich egal ist. Wir schauen uns die argentinische Seite zwei Tage lang staunend an, dann fahren wir auch noch auf die brasilianische Seite, denn von hier hat man eine geniale Gesamtansicht der kompletten Wasserfaelle. Der Ausflug hierhin hat sich wirklich gelohnt!

Unser Rueckweg fuehrt uns nochmal fuer ein paar Tage nach Azara, bevor wir uns dann endgueltig wieder auf den Weg nach Sueden machen muessen. Nach einem Schlenker durch die Ibera-Suempfe (mit ueberfahrenem Alligator auf der Strasse!!!!), ein paar unfreiwillig unruhigen Naechten im argentinischen Karneval und vielen Kilometern bei fast 40 Grad drehen wir dann noch einige Runden in Uruguay. So kurz vor dem Ende unserer Reise haben wir nochmal Lust auf ein neues Land. Wir hatten keine grossen Erwartungen an Uruguay, aber vielleicht hat es uns gerade deshalb dort so gut gefallen. Uruguay ist wahrscheinlich das unaufgeregteste und unspektakulaerste Land der Welt :-). Man kann wunderbar ueber kleinste leere Strassen durch die gruenen Huegel fahren, ein bisschen sieht es aus wie in der Eifel. Ueberall Kuehe, Pferde, Schafe und Gauchos, die Landschaft vermittelt viel Ruhe und Weite und alles ist total relaxt. Bis auf Montevideo... Die meisten Staedte und Autos haben ihre beste Zeit lange hinter sich, es sieht ein bisschen aus wie in der DDR oder auf Kuba. Oft fahren wir an uralten Autos aus den 40ern oder 50ern vorbei, die hier noch voellig normal zum Strassenbild gehoeren, genau wie Pferdekarren und Gauchos. Aber leider haben wir fuer dieses Land nichtTango Buenos Aires mehr viel Zeit, der Rueckflug naht immer schneller. Uns so sind wir inzwischen schon in Buenos Aires angelangt, haben uns mit dem Zoll und der Frachtgesellschaft rumgeschlagen (NIE WIEDER werden wir uns ueber deutsche Buerokratie beschweren...). Morgen schon werden die Motorraeder halb zerlegt in eine Holzkiste gesperrt um dann bald mit dem Schiff nach Hamburg zu schippern. Wir haben dann noch ein Wochenende Zeit, um uns diese riesige, irre, laute und doch sehr schoene und aufregende Stadt anzuschauen, bevor auch wir den Rueckflug antreten. Zum Schluss moechten wir uns noch bedanken, bei allen, die uns unterstuetzt und an uns geglaubt haben. Bei unseren Eltern und Freunden, unseren Chefs, und bei euch allen, fuer die Geduld beim Lesen unserer Riesenmails und die vielen Antworten mit Tratsch und Klatsch von zuhause. Der meiste Dank gilt aber unseren treuen Gefaehrten: Berta und Lopezito, unseren Motorraedern, die fuer uns weit mehr sind als nur ein Haufen Metall und Plastik, denn sie haben uns durch dick und duenn getragen. Fast 8 Monate sind wir mit ihnen durch Suedamerika gereist, 28600km durch 6 Laender, durch alle Klimazonen und ueber abartigste Strassen und Pisten, in Hoehen zwischen -40m und mehr als 5000m ueber Meeresspiegel, bei Temperaturen zwischen -15 und +40 Grad. Was wir gelernt haben? Dass ueberfahrene Stinktiere auch tot noch stinken, dass nicht alles immer europaeisch perfekt sein muss, dass es immer fuer alles eine Loesung gibt, dass man auch ohne einen Kleiderschrank voller Klamotten leben kann (Frau allerdings nicht auf Dauer!:-)), dass es uns in Deutschland allen viel besser geht als wir denken und dass es ein grosses Glueck ist, eine solche Reise und eine solche Erfahrung erleben zu koennen. Wir haben viele viele nette Menschen kennengelernt und einige neue Freundschaften geschlossen. Oft haben wir bittere Armut gesehen und gleichzeitig grosse Gastfreundschaft erfahren, haben die tollsten Landschaften durchfahren und nehmen viele bleibende Eindruecke und Bilder mit zurueck. Wir freuen uns jetzt auf zuhause und darauf, euch endlich alle wiederzusehen, obwohl wir sehr traurig sind, dass diese Reise schon zu Ende ist. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen und wir werden sie sicher nie vergessen !

Es war die Fahrt unseres Lebens -
the ride of our life !!!

Viele liebe Gruesse, ein letztes mal aus Suedamerika, und bis ganz bald! Tschoe!

Joerg und Kirsten
 
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