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Südamerika 2004 
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Escobar del dios!, geschrieben von Kirsten und Jörg am 20.12.2004

Hallo ihr alle,

da einige von euch sich schon beschweren, dass wir nicht mehr so oft schreiben, schicken wir euch jetzt nochmal einen ausfuehrlichen Reisebericht. Die Internetcafes sind hier im Sueden nicht mehr so dicht gesaeht, da dauert es schonmal etwas laenger. Ausserdem haben wir in letzter Zeit oft Virusmeldungen erhalten, deshalb haben einige Leute die Weihnachtsgruesse vielleicht doppelt erhalten, andere wohl garnicht, sorry! Vielen Dank fuer eure Antworten und Weihnachtsgruesse :-), wir freuen uns immer ueber jede mail aus der Heimat. Aber jetzt zu unseren wieder mal unglaublichen Abenteuern :-)! Zuletzt haben wir aus Chile von der Carretera austral geschrieben, wo es uns ja so doll vollgeregnet hat. Petrus scheint unser Geschimpfe ueber das Wetter wohl auch gelesen zu haben und hat sich in den folgenden Tagen dann ziemlich angestrengt und uns mit schoenstem Wetter verwoehnt. So konnten wir dann doch noch unseren Frieden mit dieser Strasse machen und wurden mit toller Landschaft und meist ganz guter Piste belohnt. Am Lago General Carrera entlang gings dann ueber Chilechico wieder nach Richtung Argentinien. Der See ist so riesengross, dass wir zwei Tage lang nur an seinem Ufer gefahren sind und ist toll tuerkisblau. Die Strecke ist steil und aus dem Berg gesprengt, immer am Ufer entlang. Hier war es auch schon ordentlich windig, ein klitzekleiner Vorgeschmack auf das, was noch folgen sollte... In Argentinien angekommen empfing uns die patagonische Steppe, flache Pampa soweit das Auge reicht, eine sehr schoene und weite Landschaft. Und natuerlich die beruehmte Piste Ruta 40, auf der wir schon im Norden gefahren waren. Diese Gegend hier ist auch beruehmt-beruechtigt fuer ihren immerwaehrenden starken Wind. Wir erleben sie allerdings erstmal bei 30 Grad und Windstille, beobachten die putzigen Guerteltiere, die wie eine Mischung aus Kellerassel und Igel aussehen und die blitzschnellen Nandus, so eine Art Strauss, die immer schon weggerannt sind bis wir die Kamera draussen haben. Sie haben oft einen ganzen Haufen Kueken dabei, die aber ebenfalls schon unglaublich schnell rennen koennen, riesige Federbaelle mit superlangen Beinen! In der Steppe, wo es keine Moeglichkeit gibt sich zu verstecken, ist schnell weglaufen wohl das einzige Mittel bei Gefahr. Unsere seltsamen knatternden und stinkenden Gefaehrte sind ihnen jedenfalls nicht geheuer. Da sich die Landschaft hier stundenlang nicht aendert fahren wir viele Kilometer am Tag. Einen kleinen Abstecher machen wir noch zur "cueva de los manos", der Hoehle der Haende. Hier gibts es teilweise 10.000 Jahre Felszeichnungen, ziemlich beeindruckend. Bald danach kommen wir an die Abzweigung zu einem Gebirge namens Fitz Roy, das sich ueber 3000m aus der flachen Pampa erhebt. Diese wilden Granittuerme wollen wir uns unbedingt anschauen. In der Nacht zuvor hat sich der patagonische Sturm schon zum ersten mal vorgestellt und auch jetzt weht der Wind mehr als kraeftig. Wir merken es aber erst richtg nach der Abzweigung zum Fitz Roy, da wir jetzt den Wind von vorne bekommen. Oh je, da muessen wir aber gleich mehrere Gaenge runterschalten. Die Freude ueber den unerwarteten Asphalt haelt dann auch nicht lange an, von dem See an dem wir entlang fahren, ist nichts zu sehen. Die Luft ist voller Sand und Staub und wir muessen uns mit aller Kraft gegen den Sturm stemmen. Der entpuppt sich leider bald als unglaublicher Sandsturm, der immer staerker wird. Wir koennen nichts mehr sehen, der Asphalt endet und auf einmal haben wir keine Ahnung mehr, wo wir sind. Noch auf der Piste oder schon daneben? Sichtweite: 2 m, ungelogen. Wir bleiben in einer Sandwehe stecken und kauern uns hinter die Moppeds, um nicht weggerrissen zu werden. Wir muessen uns in diesem Hoellensturm anschreien und beschliessen schliesslich umzudrehen, 30 Kilometer vor dem Ziel, aber es hat keinen Zweck. Auf dem Weg aus dem Sturm raus fahren wir mit ueber 100 km/h und fuehlen trotzdem noch Sand und Steine gegen unsere Ruecken prasseln. Wie wir und die armen Motorraeder hinterher aussahen, koennt ihr euch vorstellen: alles ist sandgestrahlt. Die Helmvisiere sind nur noch Schrott und der Lack ist teilweise bis aufs blanke Metall abgeschliffen. Und wir hatten vor ein paar Tagen noch grossartig rumgetoent: so windig ist es hier doch garnicht, was die immer alle haben. Ha, da hat uns Patagonien aber richtig eine reingehauen! Der Wind schlaeft hier nie und wird von den Einheimischen "escobar del dios" genannt - der Besen Gottes!

Auch in den folgenden Tagen war Gottes Fruehjahrsputz noch nicht beendet, wir waren allerdings erstmal damit beschaeftigt, den Sand aus allen Ritzen zu beseitigen. Teile der Elektrik haben sich dadurch auch verabschiedetI :-(. In El Calafate, wo wir hierfuer Station machen, laesst es sich aber echt gut aushalten, auch wenn es das teuerste Kaff in ganz Argentinen ist...80 km hinter El Calafate liegt eine weitere grosse Atraktion des suedlichen Patagoniens, der Gletscher Perito Moreno. Er endet im Lago Argentino, seine Front ist bis 4 km breit und 60 m hoch. Er wird vom patagonischen Inlandeis gespeisst und ist einer der wenigen noch wachsenden Gletscher auf der Welt. Er ist RIESIG!!! Wir stehen mit offenem Mund 2 Tage vor diesem Giganten und beobachten, wie hausgrosse Eisbrocken ins Wasser stuerzen, wenn der Gletscher kalbt. Blaue Eisberge schwimmen im See und die ganze Landschaft ist wieder mal einzigartig - patagonisch eben :-)! Auf dem Zeltplatz in der Naehe hoeren wir nachts die Eistuerme ins Wasser knallen, wie ein starekes Gewitterdonnern, echt irre! Aber irgendwann muessen wir Abschied nehemen, schliesslich wollen wir ja nochmal nach Norden, um zu diesem Fitz Roy zu kommen, den wollen wir uns nicht entgehen lassen. Also starten wir Versuch Nr. 2 ...Und??? Natuerlich kommt wieder was dazwischen!!! Ploetzlich spinnt dieses Mistvieh vom BMW, nimmt kein Gas mehr an und laeuft nur auf einem Zylinder. Joerg schraubt mitten auf der Piste (natuerlich regnet und stuermt es, was auch sonst) alles moegliche auseinander, aber nix hilft. Also tuckern wir wieder zurueck nach El Calafate. Dort beratschlagen wir mit einem kanadischen Paar, mit dem wir die letzten Tage unterwegs waren, was zu tun ist, als wir ploetzlich auf bayrisch von hinten angequatscht werden: "Brauchts ihr Ersatzteile? Mir san mit 12 BMWs do und hen auch en Mechaniker dabei!" Ein Typ mit Kalimero-Eierschalenhelm grinst uns an, den schickt der Himmel! Der Mechaniker namens Albert kriegt es dank ausreichender Biermengen dann auch wieder hin, der Sandsturm hatte sein Spuren auch innerhalb der Motorraeder hinterlassen. Der Sand hat mit dem dadurch entstanden Metallabrieb eine zaehe Pampe gebildet, die irgendwelche Schieber im Vergaserverklebt hat! Bei diesem Aufenthalt in El Calafate verpassen wir Heike und Christian nur um Haaresbreite, wir sind wohl irgendwie tagelang umeinanderrum gefahren, schade! Seid wir aus Bolivien rausgefahren sind, versuchen wir die beiden nochmal zu treffen, aber es soll wohl nicht sein. Der dritte Versuch gelingt uns dann schliesslich, trotz heftigem Sturm erreichen wir endlich den Fitz Roy. Zumindest glauben wir das, denn zu sehen ist von den Bergen erstmal nix. Seit Tagen herrscht hier schlechtes Wetter und Sturm. Trotzdem wird uns nicht langweilig, denn der Zeltplatz ist voller Motorrad- und Jeepfahrer, die wir zum Teil schon weiter im Norden getroffen hatten. Langsam knubbelt es sich hier im Sueden, alle wollen entweder Weihnachten oder Silverster in Feuerland verbringen. Die naechsten 2 Tage verbringen wir also bei stroemendem Regen in Cafes, Jeeps oder umgebauten LKWs und tauschen Reisegeschichten aus. Wir hatten schon beschlossen, am naechsten Morgen dem Regen zu entfliehen als wir von der Sonne geweckt wurden, endlich! Sofort haben wir die Wanderschuhe abgestaubt und sind den ganzen Tag bei toller Bergsicht im Nationalpark rumgekraxelt. Das Warten hat sich gelohnt, diese supersteilen 3000m hohen Granittuerme sind wirklich toll! Der weitere Weg fuehrt uns dann zum 3.mal nach El Calafate zurueck, hier gibt es sonst einfach keine anderen Orte mit entsprechender Infrastruktur (Tankstelle, Supermarkt, Internet, etc.). Gleich brechen wir wieder auf, Kurs Sued-Suedwest, immer Richtung "Fin del mundo" - zum Ende der Welt

Und jetzt stellt sich die Frage, wo und wie wir Weihnachten und Silvester verbringen werden. Bei schoenem Wetter in naechsten Nationalpark, bei schlechtem Wetter wohl tatsaechlich in Feuerland, mal schauen, wo Wind und Regen uns hinschicken.

Euch allen wuenschen wir nochmals schoene Weihnachten und ruhige Feiertage. Wir vermissen schon ein bisschen die Weihnachtsbaeume, die Gluehweinbuden und Plaetzchen, die Lichter und Kerzen und die gemuetliche Stimmung. Trinkt einen Gluehwein fuer uns mit und zuendet eine Kerze auf dem Weihnachtsbaum fuer uns an :-)! Wir denken an euch und melden uns im neuen Jahr wieder!

Suerte

Kirsten und Joerg
 
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