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Südamerika 2004 
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noch immer Argentinien, geschrieben von Kirsten und Jörg am 05.12.2004

hallo zusammen,

na, bereit fuer den brandneuesten Reisebericht?

Die letzte mail haben wir vor ewigen Zeiten aus Neuquen geschrieben, wo wir wieder mal zu einem unfreiwilligen Aufenthalt gezwungen wurden, da Joergs Alukoffer sich aufloesten und wir neue Reifen kaufen wollten. Wir haben gehofft, alles moeglichst schnell erledigen zu koennen. Zuerst sah es auch ganz gut aus, es hat aber alles wieder viel laenger gedauert als geplant und die erstandenen Reifen passten z.Teil dann doch nicht auf die Felgen, ein echt nerviges Hantier. Bei der ganzen Aktion wurde die Felge der BMW ziemlich ruiniert, ein Schlauch und viele Nerven sind kaputt gegangen. So ist das halt manchmal. Die 2. und wichtigste Baustelle waren ja Joergs Alukoffer. Neue Aluplatten hatten wir schnell gefunden, aber saemtliche Werkstaetten hatten keine Termine frei. Termine? Normalerweise kommen wir immer sofort dran, hier wohl nicht. So fuhren wir von Pontius zu Pilatus und der letzte Tip fuehrte uns seltsamerweise zu einer Schumacher-Werkstatt. Naja, fragen kostet ja nix. Und ruck zuck sassen wir bei Gustavo in der Werkstatt und wurschtelten zwischen alten Turnschuhen und kaputten Pumps mit seiner alten Bohrmaschine und Nietzange rum :-). Er half uns sogar noch, die fehlenden Schrauben zu besorgen und wir verbrachten einen Nachmittag und den naechsten Vormittag zwischen Bergen von Schuhen. Das Ergebnis kann sich auch einigermassen sehen lassen, die Koffer sind fuers erste gerettet und wir haben eine neue Freundschaft geschlossen. So konnten wir nach 3 Tagen endlich wieder losfahren.

Unser Ziel hiess Lago Alumine, der noerdlichste Lago des argentinischen Seengebiet. Die Landschaft ist einfach traumhaft, wie schon in der letzten mail beschrieben. Die Pisten sind hier alle gut befahrbar und wir sind gluecklich, endlich wieder durch das paradiesische Patagonien fahren zu koennen. Am Lago Quillen zelten wir direkt am See mit Blick auf den Vulkan Lanin. Der Zeltplatz liegt ganz versteckt, man muss ueber eine winzige Piste mitten durch den Wald dort hin fahren. Aber so einsam ist es dann doch nicht, ein paar argentinische Angler zelten auch hier, die uns sofort lautstark in ihr Herz schliessen. Am naechsten Morgen starten wir auf Joergs ausdruecklichen Wunsch zu einem Reitausflug, den wir am Vorabend organisiert haben. Oh je, meine letzte Reitstunde ist schon 15 Jahre her, aber das soll ja sein wie mitLanin Fahrradfahren, man verlernt es nicht (stimmt!). Da Joerg keinerlei Reiterfahrung hat, bekam er ein langsam es und braves Pferd namens "Lopez". Das gute Tier entpuppte sich allerdings als unglaublich lahm, legte staendig Fresspausen ein oder ging garnicht mehr weiter. Irgendwann hatte unser Fuehrer (ein echter Mapuche-Indianer) keine Lust mehr, dauernd den faulen Lopez und den hilflosen Joerg einzusammeln, Pferdetausch war angesagt. Joerg sass jetzt aus dem Pferd unseres Guide und es ging auch viel besser. Aber das Tier beschloss, sich erstmal zu waelzen, aenderte auch nach Belieben die Richtung oder rannte zur Weide zurueck. Alles sehr witzig :-))). Nach insgesamt 6 Stunden taten unsere Hinterteile unglaublich weh und wir konnten kaum noch absteigen, aber es hat sich gelohnt. Joerg hat festgestellt, das Flussueberquerungen mit Pferden viel einfacher sind als mit Motorraedern und das Pferde auch nicht so leicht umfallen und kaputt gehen und sieht seine Zukunft nun als argentinscher Gaucho. Ah ja... Nach ein paar schoenen Tage hier im Seengebiet war mal wieder Laenderwechsel angesagt, schliesslich soll der chilenische Teil ja auch sehr schoen sein. Wir fuhren direkt am Vulkan Lanin vorbei ueber die Grenze, sahen aber vor lauter Wolken nix von diesem perfekten Vulkan. Auch der chilenische Vulkan Villarica versteckte seinen Krater, irgendwie haben wir kein Bergglueck. Eigentlich wollten wir ihn am naechsten Tag besteigen, das soll relativ einfach sein und er ist auch nur 2900m hoch. Aber das Wetter blieb trueb, auf spanisch sagt man "no vale la pena", das lohnt die Muehe nicht. Der Rest des chilenischen Seengebiets haut uns auch nicht gerade vom Hocker, sieht aus wie am Starnberger See und ist genauso voll. Also nix wie wieder zurueck nach Argentina! Vorher blieben wir aber noch einen Tag am Lago Pirihueico im winzigen Oertchen Puerto Fuy. Dort zelten wir umgeben von jeder Menge Tiere, z.B. kleine Schweine, die den ganzen Tag grunzend und schnueffelnd um uns rum laufen, am Zelt knabbern und frech unser Essen klauen, sehr putzig. Schafe, Hunde, Pferde und Gaense kommen auch zu Besuch, wir machen eine schoene Wanderung und mieten zu meinen Entsetzen ein Kajak. Natuerlich war das unglaublich schrecklich, wie alles was mit Booten zu tun hat ;-). Joerg hatte sich in den Kopf gesetzt, unbedingt quer ueber den See zu paddeln. Der Wind war allerdings extrem stark und wir wurden patschnass, zur Strafe musste er den ganzen Weg allein zurueck paddeln, waehrend ich biertrinken im Boot sass :-). Das sollte allerdings nicht die letzte Aufregeung gewesen sein: dieser Platz ist so idyllisch, das am naechsten Morgen hier ein Werbefilm gedreht wird, und zwar ab 5 Uhr!!! Um unser Zelt liefen tausend Leute rum, die Kameras und Scheinwerfer standen direkt vor unserer Nase, ein Boot mit so'nem Werbestar fuhr x-mal auf und ab, staendig bruellte einer "action" oder schrie ins Funkgeraet...War wohl nix mit ruhigem Plaetzchen. Und auf der Faehre zum anderen Ende des Sees war ploetzlich auch jede Menge los, da das halbe chilenische Militaer und drei bayrisch-chilenische Moppedfahrer mitfahren. Das waren dann auch endlich mal richtige Kerle :"ich bin 22.000 km Piste in 3 Wochen gefahren!", ja klar... Auf der argeninischen Seite hiess unser naechstes Ziel San Martin de los Andes, ein seeehhhr touristischer Ort. Hier sind alle schwer gestylt und sportlich, wichtigste Tagesaufgabe wieder mal: cool aussehen. Wir bleiben ein paar Tage, da Joerg seine Erkaeltung auskurieren muss.

Suedlich von San Martin fahren wir dann durch tolle Nationalparks mit Seen, riesigen Waeldern und schneebedeckten Bergen. Wenn man an suedamerikanische Waelder denkt, haben die meisten Leute sofort den Amazonas-Dschungel im Kopf. Kaum einer weiss, dass es hier im Sueden des Kontinents riesige, unberuehrte native Waelder gibt, voll mit uralten Baeumen und Pflanzen, die wir noch nie gesehen haben. Zum Glueck steht der groesste Teil inzwischen unter Schutz und das ganze Gebiet ist auch sehr duenn besiedelt (die Provinz Chubut, in der wir gerade sind, ist ungefaehr so gross wie die alte BRD, aber hier leben gerade mal 350.000 Menschen). Ein Nationalpark reiht sich an den naechsten und hinter jeder Kurve w ird der Ausblick noch schoener. Von einem Zeltplatz am Lago Mascardi machen wir einen Ausflug zu einem Berg namens Tronador (3700m hoch). Die Piste ist so eng, das es bestimmte Zeiten gibt, an denen man nur hoch und nur runter fahren darf. Leider ist die Piste auch sehr schlecht. Joergs Kommentar: "Das ist echt ein Test fuer jeden Koffertraeger!" Guess who failed? Richtig, der BMW-Koffertraeger hat mal wieder den Test nicht bestanden und ist an sehr doofer Stelle gebrochen. Shit, nicht schon wieder!!! Wir sind echt demoralisiert. Zwar haben wir spaetetens hier in SA gelernt, das es fuer jedes Problem eine Loesung gibt, aber man hat nicht dauernd Lust, danach zu suchen. Aber alles Jammern hilft nicht, zur Reparatur stehen zur Verfuegung: 1 Alu-Zelthering und 1m duenner Draht. Und wir stellen fest, dass auch Brasilianer nette Menschen sind, denn einer dieser Landsleute befoerdert mit seinem Jeep mein Gepaeck den Berg runter bis zur naechsten Asphaltstrasse, die 50 km haetten wo hl den endgueltigen Tod des Koffertraegers bedeutet. Als wir schon deken, das Glueck hat uns voellig verlassen, sehen wir auf den Weg nach El Bolson an diesem Abend noch einen Condor, den ersten ueberhaupt seit Peru. Diese Voegel bringen "suerte por el viaje"- Glueck fuer die Reise. Na hoffentlich! In El Bolson hiess es also wieder Werkstatt suchen. Und der Condor hat uns tatsaechlich Glueck gebracht, denn wir fanden die Werkstatt von Mauricio, einem ehemaligen Motocross-Champion. Der war sofort Feuer und Flamme, schweissen kann er auch und bezahlen duerfen wir natuerlich nix. Die Einladung zum Essen muessen wir leider ausschlagen, da wir selber schon den Kuehlschrank voll haben, aber die ganze Familie lernen wir trotzdem noch kennen. So koennen wir uns nur mit kleinen Geschenken bedanken und dem Versprechen, ihm die Fotos zu schicken. Am naechsten Morgen statten wir noch einem Menschen einen Besuch ab, den wir bisher nur aus seinem Buch kannten. Hier in der Naehe von El Bolson leben naemlich Klaus und Claudia mit ihren Kindern, deren Buch "abgefahren-in 16 Jahren um die Welt" uns erst auf die Idee einer solchen Reise gebracht hat. Sie schaffen sich gerade hier in einem Seitental ein kleines Paradies, mit verschiedenen sozialen Projekten wie Naturheilzentrum, Ausbildungswerkstaetten etc. Abgefahren ist er allerdings wirklich, redet von energiereichen Quellen, der Information der Erde usw. und qualmt sich erst mal einen Joint :-). Nachdem sie die ganze Welt gesehen haben haben sie sich Patagonien zum Leben ausgesucht...! Aber keine Angst, wir haben uns nicht anstecken lassen und koemmen nicht erst in 15 1/2 Jahren zurueck! Suedlich von El Bolson stand noch ein Nationalpark auf dem Programm, Los Alerces heisst er und ist laut Klaus der schoenste der Welt. Das wissen wir nicht, aber traumhaft schoen ist er in jedem Fall. Wir koennen garnicht genug kriegen von Argentinien und seiner Landschaft. Um diesen Park zu sehen verzichteten wir auf die letzten 100km Asphalt, die wir noch haetten fahren koennen. Jetzt gibt es nur noch ein kleines asphaltiertes Stueck in Chile, der Rest ist Piste bis Feuerland...Aber die argentinischen Pisten sind bis jetzt ganz gut befahrbar, im Gegensatz zu den chilenischen. Das stellten wir auch bald wieder fest, denn jetzt ging es wieder ueber die Grenze.

Hier im Sueden Chiles gibt es wieder mal eine DER beruehmten Strassen des Kontinents, die sog. carretera austral (suedliche Strasse).Sie fuehrt durch die kalten Regenwaelder des Suedens, klingt ja schon sehr vielversprechend! Pinochet hat sie in den 80er Jahren in die Wildnis schlagen lassen, um an Bodenschaetze zu kommen und das Militaer in diesen Teil des Landes bringen zu koennen. Unserer Meinung nach haette er das aber besser mal gelassen. Nicht nur, weil die wirklich einzigartige Natur so teilweise zerstoert wurde, sondern auch weil sich dann nie der Mythos "Traumstrasse carretera austral" entwickelt haette. Was haben wir vor unserer Reise tollste Schilderungen von dieser Strasse gehoert...Jetzt fragen wir uns, waren die Leute woanders? Eine Traumstrasse ist es naemlich sicher nicht. Schlagloch reiht sich an Schlagloch und es regnet tagelang ohne Unterbrechung. Ein Sprichwort sagt: an diesem Ende der Welt regnet es im Jahr an 370 Tagen. So sehen wir null von der sicherlich schoenen Landschaft und muessen in voellig ueberteuerten Bruchbuden uebernachten. Wir sind einigermassen genervt und von oben bis unten voller Schlamm und Sand. Aber die Wettervorhersage fuer die naechsten Tage sieht ganz gut aus, vielleicht koennen wir uns ja doch noch mit dieser Strasse versoehnen. Im Moment sind wir in Coyhaique und legen mal wieder einen Ruhetag ein. Gleich werden wir die Schlammkruste von den armen Motorraedern waschen und mal einen vorsichtigen Blick auf die Gepaecktraeger werfen! Also drueckt uns mal die Daumen, das wir die restlichen km ohne Regen fahren koennen! Bis zur naechsten mail wird es wohl wieder etwas dauern, denn die Internet-Dichte hat hier deutlich nachgelassen. Teilweise gibt es in den winzigen Oertchen zwar einen Computer und eine Satelittenschuessel, aber die Wartelisten (!!!) sind ewig lang und die Dinger sind ultralahm.

Machts gut, geniesset die Vorweihnachtszeit noch ein bisschen und trinkt einen Gluehwein fuer uns mit!

Viele liebe Gruesse

Kirsten und Joerg
 
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