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Südamerika 2004 
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Bolivien/Chile/Bolivien, geschrieben von Kirsten und Jörg am 11.10.2004

Hallo alle Daheimgebliebenen,

jetzt wird es aber mal wieder Zeit fuer einen "kleinen" Lagebericht!

Nach unserer letzten mail sind wir erst mal von La Paz aus Richtung Westen gefahren. Zuerst kommt auf der bolivinischen Seite der Sajama Nationalpark. Und siehe da, wer kam uns auf dem Weg dorthin entgegen: Heike und Christian :-)! Seitdem ist die Viererbande also wieder komplett. Die beiden haben schnell noch aus einem Fass ein paar Literchen benzinaehnliche Fluessigkeit getankt und sind wieder mit uns zusammen in den Park reingefahren. Die Strasse ist fast durchgehend asphaltiert, bis auf die letzten 15 km, aber die hatten es in sich, tiefster Sand vom Feinsten. Es hat genau 2 km bis zum ersten Bodenkontakt gedauert...Die arme Heike hats richtig erwischt. Sie hat den Rat der Maenner befolgt: wenn das Motorrad schlingert, mehr Gas!! Das hatte zur Folge, das sie sich mit deutlich hoeherer Geschwindig-keit hingeschmissen hat, bis jetzt sind noch nicht alle Schaeden an ihrem Ruecken beseitigt (liebe Menschen aus Heikes Dunstkreis: diese Information darf natuerlich auf keinen Fall an ihre Eltern weitergeleitet werden !!!). Aber wer will schon jammern bei so einer gigantischen Kulisse, denn dieser Nationalpark und sein Bruder auf chilenischer Seite strozen nur so vor Superlativen. Natuerlich steht hier der hoechste Berg Boliviens (Sajama, 6549m), wir zelten am hoechstgelegenen Wald der Erde (sog. Quenua-Baeume bis auf 5200m!), ausserdem liegt hier der angeblich hoechste See der Erde (4500m, Namen vergessen...), vor uns erheben sich der hoechste aktive (Guallatire, sechtausendirgendwas)und der hoechste inaktive (Parinacota)Vulkan der Erde. Jaaa, nicht gelogen!!! All diese perfekten Vulkankegel bieten uns ein fantastisches Schauspiel bei Sonnenuntergang! Die Naechte sind erwartungsgemaess sehr kalt auf dieser Hoehe, und nachdem am naechsten Morgen der Tee aufgetaut war reiten wir weiter nach Chile. Die Ausreise aus Bolivien geht wie alle Ausreisen sehr schnell. Dann kommt die chilenische Seite. Immerhin sind hier die Stationen, die man durchlaufen muss durchnummeriert, schon mal nicht schlecht. Station Nr. 2 ist nicht besetzt und wir werden sofort zur Nr.3 gewunken und bekommen sogar noch Kaffee und Sandwich geschenkt :-). Siegessicher steigen wir nach einer Stunde auf die Moppeds, als ploetzlich der Mann aus Nr. 2 auftaucht. Die obligatorische Gemuese und sonstige Lebensmittelkontrolle! Chile betrachtet sich als tierseuchenfrei, deshalb ist es verboten, irgendwelche Lebensmittel einzufuehren. Natuerlich haben wir jede Menge zu essen dabei, schliesslich wollen wir ja zelten, und weit und breit kann man nix kaufen. Tatsaechlich muessen wir unsere gesamtes Gepaeck abbauen und wie am Flughafen durch so ein Roentgending schieben, mitten im Nirgendwo! Haha, versucht mal Gemuese in Toepfen in Alukoffern zu roentgen, aetsch!!! Nur einen Platz zum Zelten finden wir nicht, aber jemand erzaehlt uns was von Thermalquelle, da wollen wir hin! Die Schilder in Chile erweisen sich als genauso falsch wie in allen anderen Laendern und so fahren wir unnoetigerweise Piste, was wieder mit einem gebrochenen BMW-Koffertraeger endet! Dieses System ist und bleibt eine ewige Baustelle. Dafuer koennen wir am naechstem Morgen in superheissem Thermalwasser baden, das entschaedigt fuer alle Strapazen. Heike und Christian haben es eilig und duesen sofort wieder zurueck nach Bolivien, waehrend wir uns noch Einen Tag im Oertchen Parinacota am gleichnamigen Vulkan niederlassen. Hier auf 4500m wird es nachts wirklich schweinekalt, aber wir nehmen uns ein einfaches Zimmer mit Kamin, goettlich! Am naechsten Morgen fahren aber auch wir wieder zurueck nach Bolivien, denn wir wollen von der Hoehe runter und brauchen dringend eine Apotheke. Der Dschungelausflug nach Rurrenabaque hatte naemlich die erwarteten Folgen: ungebetene Gaeste durchwuehlen seitdem unsere Innereien, den Rest ueberlassen wir eurer Fantasie! Auf jeden Fall sind wir ziemlich fertig und kommen auch nicht sehr weit. In Oruro, auch auf schlappen 4000m haengen wir dann erstmal 2 Tage ab, das Hotelzimmer hat zum Glueck einen Fernseher, und dank Deutscher-Welle-TV wissen wir jetzt genauestens ueber die Arbeitslosenzahlen und aehnlichen Dinge Bescheid :-).


Die naechste Station lautete Sucre, die eigentliche Hauptstadt Boliviens. Die Strasse hier hin ist seit kurzem komplett asphaltiert. Fuer uns gut, aber wenn man die Doerfer rechts und links sieht, fragt man sich, ob sowas noetig ist. Hier hat sowieso niemand Geld fuer ein eigenes Fahrzeug. Fliessendes Wasser, Schulen, Strom und medizinische Versorgung wuerden den Menschen wesentlich mehr bringen als so ein Teerband. Hier sehen wir an jeder Ecke, dass Bolivien das aermste Land Suedamerikas is t. Zwar stehen in jedem Ort grosse Tafeln, auf denen die Namen der Entwicklungshilfe-Organisationen stehen, aber es ist offensichtlich, dass hier fast kein Geld angekommen ist. Wir halten nicht an, um uns von Gegeteil zu ueberzeugen, denn hier gibts es fuer unseren Geschmack zu viele steineschmeissende Kinder...Nach einer Zwischenstation in Potosi fahren wir am naechsten Tag weiter nach Sucre, aber wir wurden schon an einer der vielen Mautstationen gewarnt: die Strasse ist blockiert. Na toll, aber wir versuchen es trotzdem, schliesslich sind wir in Sucre mit Heike und Christian verabredet. Als es dann soweit ist, sagen wir unsere Geschichte auf: wir sind Journalisten aus Deutschland und schreiben ueber diese Reise Berichte fuer Zeitschriften. Wenn die Leute wollen, koennen wir auch ueber die Probleme ihres Dorfes berichten, aber dann muessen sie uns durchlassen. Zuerst funktioniert es auch ganz gut, ein Mann faengt zu erzaehlen an. Doch dann kommt die Polizei und es stellt si ch raus, das diese Blockade schon laenger dauert. Es geht um Wasserversorgung etc, und die Polizisten tragen vorsichtig ihre Angebote an das Dorf vor. Die Situation ist nicht wirklich gefaehrlich, aber einige Leute haben ganz schoen gebechert, also halten wir uns dezent zurueck. Nach einiger Zeit heisst es dann, wir koennen durchfahren, aber die Steine, die ueberall liegen raeumt keiner weg. Das war vielleicht ein wildes Gehoppel! Und keine 10 km weiter die naechste Sperre!!! Hier geht es schneller, aber zusaetzlich zu den grossen und kleinen Steinen liegen hier noch Dornbuesche auf der Strasse und die Leute sind deutlich schlechter gelaunt. Trotzdem folgen sie verdutzt Kirstens Anweisungen, welchen Stein sie wohin raeumen sollen und bald sind wir durch. Wir haben viel Glueck gehabt, alle anderen Autos und Busse standen stundenlang da oder mussten umkehren, solche Situationen koennen auch schnell mal eskalieren. Sucre, das wir kurz darauf erreichen gefaellt uns wirklich gut, es ist die modernste und sicherlich schoenste Stadt Boliviens. Bei der Einfahrt in die Stadt begruesst uns ein grosses Banner"Willkommen in der Hauptstadt", direkt darunter laufen Schweine ueber die Strasse...

Tagsueber arbeiten wir an den braven Moppeds, die einige Wartung noetig haben und neue Reifen bekommen. Abends schlagen wir uns die Baeuche in den guten Restaurants voll, fuer fast schon unglaublich wenig Geld. Bolivien ist nicht mehr preiswert, das ist schon billig. Ein fettes Steak im Restaurant kostet max. 3 Euro, unser Hostalzimmer kostet 5 Euro, einfach unglaublich. Hier geht es uns auch endlich wieder besser, und wir futtern uns alle Kilos wieder an, die wir in den letzten zwei Wochen verloren haben :-))). Nach drei Tagen verlassen wir die Stadt und machen erstmal einen Ausflug zum beruehmten Sonntagsmarkt von Tarabuco, wo Kirsten wieder unglaubliche Mengen Andenken und buntes Zeug kauft! Schon wieder ein Paket, das wir nach Hause schicken muessen! Am gleichen Tag fahren wir zurueck nach Potosi, wo wir jetzt sind. Das ganze Gebiet ist sehr erzreich, ueberall gibt es Minen. Allein ueber die Umwelt-, Arbeits- und Lebensbedingungen der Minenarbeiter koennten wir seitenweise schreiben. Die Flusse stinken zum Himmel, aber wir koennen es nicht aendern. Heute haben wir uns den Hausberg von Potosi, den Cerro Rico (reicher Berg) von innen angeschaut. Frueher wurde hier viel Silber abgebaut, heute hauptsaechlich Zinn, Zink und Blei. Es ist unglaublich, unter welchen Bedingungen die Leute hier arbeiten, jeder europaeische Bergbauingenieur wuerde auf der Stelle tot umfallen vor Schreck. Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine, die Leute stehen den ganzen Tag in unglaublichem Krach, Staub oder Schlamm. Um die Arbeit zu ertragen kauen alle Koka-Blaetter und trinken 96%igen Alkohol. Wir waren gerade mal 3 Stunden in den Minen, was uns voellig gereicht hat. Auf dem Weg nach draussen haben wir dann die ganzen Dynamit-Detonationen gehoert, die jeden Mittag den Berg erschuettern. Koka-Blaetter sind uebrigens keine Drogen, Kokain ensteht erst, wenn man kiloweise Blaetter einem stundenlangen chemischen Prozess unterzieht. Das Kauen der Blaetter nimmt aber das Hungergefuehl und benebelt ganz leicht. Als Tee trinken wir Koka fast taeglich, da er sehr gut schmeckt und angeblich gegen Hoehenkrankheit hilft. Die Einfuhr des Tees nach Europa ist allerdings verboten. Wieviel Kokain kann man wohl aus 10 Teebeuteln herstellen?


Soweit der neueste Lagebericht aus Bolivien, morgen brechen wir zu unserem bisher groessten Abenteuer auf. Uns lockt der Salar de Uyuni, die groesste Salzpfanne der Erde und die umliegenden Vulkane und Lagunen auf dem Weg nach Chile. Alles wieder zwischen 3800 und 4500 Metern, wie immer! 800 km ohne Asphalt stehen uns bevor, keine Doerfer, keine Tankstellen, nix. Wir freuen uns schon maechtig, sind aber auch ein bisschen aufgeregt. Jetzt muessen wir auch schluss machen, denn fuer diese Zeit muessen wir erstmal jede Mege Lebensmittel kaufen. Mal gucken, ob die chilenischen Grenzer sie diesmal finden...Keine Angst liebe Eltern, wir sind ja zu viert und haben ein GPS dabei, kann nix passieren!

Bis bald, danach melden wir uns wieder!

Viele Gruesse Kirsten und Joerg
 
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